Ohne Ziel

Ohne Ziel

 

Er ist der tollste Freund den ich je hatte. Er ist beziehungsunfähig. Er ist 1,86 cm groß. Er wirkt

manchmal klein. Er ruft dauernd an. Er meldet sich nie. Er ist klug. Er ist ehrlich. Er ist ein riesiger

Hornochse. Er erzählt dauernd Schwachsinn. Er macht Versprechungen. Er hält sie nicht. Er ist

abhängig von seinem sozialen Netzwerk. Er ist weder bei Facebook noch hat er Whatsapp.

Er liebt mich. Und er liebt mich nicht.

 

Angefangen hat diese Geschichte vor acht Jahren und 3 Monaten in einem Club. Nach

zwei Stunden Freibier war die Tanzfläche mindestens so voll wie er. Ich war nüchtern und 18 Jahre jung. Das Leben war leicht. Er fiel mir direkt auf. Bei Shakiras „La Tortura“ fing er an mit mir zu tanzen. Bevor wir miteinander sprachen knutschten wir zu „Waiting for a star to fall“. Wir tauschten Spucke vor Wörtern.

Französisch Leistungskurs? Je m‘appelle Tobias, je suis un tomate.

Und damit hatte er Recht.

 

Während unserer ersten Beziehung sahen wir uns zwei mal, telefonierten vier mal und schrieben

450 Sms. Er nannte es Fernbeziehung weil wir 30 km voneinander entfernt wohnten. Nach sechs

Tagen Beziehung bekam ich eine Sms: ‚Ich weiß zur Zeit nichts, alles ist zur Zeit komisch, gib mir

noch etwas Zeit‘. Ich rief ihn an, sprach mit seiner Mutter, mit seinem Vater. ‚Tobias ist nicht da,

das Licht in seinem Zimmer ist an und der PC auch aber der Tobias ist nicht da.‘ Ich schrieb ihm

einen Brief, einen langen Brief. Ich will mich nicht erinnern was darin stand. Ich wollte ihn und

kämpfte mit den Mitteln einer 18 jährigen. Und ich konnte ihn nicht haben.

Irgendwann sahen wir uns wieder. Wir wurden Studi-Vz Freunde. Da fing es an. Ich wusste was er

macht, wen er kennt, was er mag, wohin er geht und mit wem er sich fotografieren lässt. Ich wusste seine wechselnden Fakenamen, ich wusste wer ihm schreibt, was er trägt und welche Sprüche er mag. ‚Bierchen? Nehm ich.‘ Wir schrieben uns, wir gruschelten uns, wir schrieben uns böse Sachen, wir löschten uns, wir addeten uns. Wir schliefen miteinander. Wir liebten uns, wir hassten uns. Wir verletzten uns. Er verstand nicht, wieso er sich immer wieder bei mir meldete. Er verstand nicht, wieso ich nicht aus seinem Kopf verschwand. Er nannte mich Hexe. Frauen sind Engel. Und wenn man ihnen die Flügel bricht, dann fliegen sie auf einem Besen weiter.

 

Dann war ich in einer anderen Stadt und verliebte mich. Ich hatte einen neuen Freund. Etwas ernstes. Ich wollte es festhalten. Obwohl ich wusste, dass es zu Ende geht. Denn wer nur eine einzige große unglückliche Liebe hat und sie zurücklassen muss, kann gehen wohin er will.

Und wird nie richtig ankommen.

 

Danach stand er wieder in meinem Flur und nahm mich in den Arm.

Und ich vergass alles andere auf der Welt.

Ihm war egal, woher ich kam, wie viele Männer ich in der Zwischenzeit hatte. Alles was er wusste

war, dass er wollte, dass das mit ihm und mir für immer ist. Nur dumme Herzen sind vernünftig.

Und unsere Herzen waren klug genug um unvernünftig zu sein.

 

Wir planten nichts, wir hofften nichts, wir erwarteten nichts. Die Zeit war schön. Ich investierte viel. Aber die Jahre zuvor hatten mich zerbrechlich gemacht.

Ich fing an zu hoffen, zu erwarten. Ich wurde müde. Müde des Unerfüllten. Müde des jahrelangen

Hin und Hers, des Redens zwischen den Zeilen, des Sehens und des Nichtsehens und der Stille der

Buchstaben. Müde des Vermissens, müde des Selbstschutzes.

Auf dem Weg durch die Monate habe ich meine Unbefangenheit verloren, die Zeit des Gedankenlosen ging zu schnell vorbei. Manchmal hatte ich gehofft. Die Hoffnung sagte, er würde alles bemerken, die Anzeichen verstehen. Ich fand keine Worte, die beschreiben konnten was zwischen ihm und mir war.

Ich hatte mehr gefühlt als ich Wörter wusste.

Die Vergangenheit war so schwer. So schwer, dass ich sie nicht mit Worten aufwiegen konnte.

Er bemerkte es aber ging fort mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern.

Er verliess mich mit Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben.

Und eines Morgens bin ich in den Trümmern erwacht.

 

Ich trage die Erinnerung unter meiner Haut, die Nächte ohne Alleinsein an jeder Stelle in meinem

Körper und ich übe das Vergessen.

Ich gehe durch die Stadt, die so leer ist, ohne ihn und doch, so voll von ihm.

Ich laufe durch die Straßen, laufe an der Nacht vorbei. Ich gehe, laufe, bleibe immer in den falschen Momenten stehen. Die Kälte verweilt über der Stadt. Zu schwer, zu klein fühle ich mich.

 

Männer kommen und gehen. Niemand darf über Nacht bleiben. Es könnte ja sein, dass er eines

Nachts so betrunken ist, dass er zu mir kommt. Sturmklingelt, die Treppen hochtorkelt und ich

ihn wieder bespringen kann, wenn er in meinem Flur steht. Dann würde er reden und reden, von

seiner Nacht erzählen. Erzählen, wie viele Frauen er hätte haben können aber immer nur an sein

Mädchen gedachte habe. Er würde mir das Blaue vom Himmel erzählen.

 

Wir wissen beide, dass es kein zurück gibt.

Und wenn es kein zurück gibt, wohin sollen wir gehen, wenn nicht nach vorn?

 

Ich ziehe sein T-Shirt an und lege mich in mein Bett. Über mein Warten schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen wache ich auf.

Und er ist nicht da.

Es ist nicht so, dass er nur fehlt. Es ist so, dass das Leben nicht mal eben so weitergeht.

Und es ist egal, wie sehr man es anschiebt.

 

Wochen sind vergangen. Ich sitze in einem Café und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Ich halte den Atem an und warte. Warte, dass etwas großes passiert.

An diesem Tag, der doch so ist wie immer.

Ich packe meine Sachen und bezahle meinen Kaffee.

Draußen hängt ein kalter Wind in der Straße.

Ich gehe ohne Ziel. Das Rad quietscht.

Die Füße werden finden, was die Augen nicht sehen,

wovon der Kopf nicht weiß, dass das Herz es sucht.

Die Ampel wird gerade rot.

Und auf der anderen Seite steht er.

 

 

Für Tobias, Juli 2012

 

Danke an Lena Rheinhardt für die Inspirationen

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