text

welcome to   

JohannaHagemann.com

Dunkle Tage


Seit Stunden sitze ich auf diesem Stuhl und ertrinke in meinen Gedanken. Ich schließe die Augen, mein Kopf ist schwer.


Ich erinnere mich an die Momente, in denen du alle deine Sprachen in meine Ohren geflüstert hast und ich mich in Sicherheit wog. All die Sprachen, die so neu waren, aber doch zugleich so bekannt und vertraut.

 

Aber schon nach ein paar Tagen mit dir, viel zu schnell und viel zu früh, überkam mich die Frage, was passieren würde, wenn ich falle.

Diese Frage schrie lauter als alle anderen Gedanken im Herzen und Gefühlen im Kopf. Eine einfache, kleine Frage und doch so laut, dass ich durch sie in den falschen Weg abbog und dich direkt aus den Augen verlor. Um dich wieder zu finden, malte ich mich in Farben, die mich gar nicht zeigen. Ich verschwand hinter einer Wand aus zu vielem, einer Wand aus allem, außer mir selbst. Ich versuchte wieder hervor zu kommen und meine Worte machten sich auf die Suche. Aber meine Sätze bauten eine Mauer um mich herum und meine Angst zog sie mit Stacheldraht noch höher.


Ich versuchte, dir Erklärungen zu geben, in der Hoffnung, dass du verstehst.

Du verstandest nicht.

Die unwichtigen Dinge und alten Geschichten wogen für dich schwer.

Viel schwerer als das Leichte, das Neue.

Du schautest zurück und nicht nach vorn, aber ich konnte es dir nicht verübeln.

Vielleicht weil ich tief innen drin wusste, dass du nicht anders kannst.

Dennoch verrannte ich mich in den Straßen der Hoffnung, aber bog immer wieder falsch ab.

Ich hoffte, dass dein Herz klug genug ist, und die Hoffnung wuchs, größer als sie je war. Aber du ließest mich die Winzigkeit ihrer selbst spüren.

Es war als hättest du mich gehört, aber bist trotzdem taub, als hättest du mich gesehen, aber bist trotzdem blind für alles was sein kann.


Ich machte die Musik lauter, damit ich nicht hören konnte, wie es zerbrach. Doch die Stille der Nacht war ehrlich und nach dem Erwachen aus den schlaflosen Nächten blieb es dunkel. Die düsteren Tage zogen unschuldig an mir vorbei und taten so als wäre es nichts.

Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke höher, um mich zu schützen, aber was nützt es, wenn die Kälte unter der Kleidung ist. Die Leere im Bauch, das Brennen in den Augen und der volle Kopf machen das pochende Herz nicht wieder warm.


Im Leben nehme ich alles, was ich greifen kann.

Aber worum es ging begreife ich erst jetzt:

„What if I fall?" „Oh but my darling, what if you fly?“


Ich stehe auf und gehe los, laufe, falle, stehe wieder auf und renne weiter, tanze und weiß sicher, dass ich fliegen werde.


Ich drehe mich noch einmal um, aber die Tage werden heller und ich kann nicht anders als wieder nach vorn zu schauen.

Der Frühling schaut um die Ecke und blinzelt in manchen Stunden dem Winter zu.

Ich bleibe stehen, lege den Kopf in den Nacken, werfe einen Blick in den Himmel, halte den Atem an und merke, dass schon überall in der Luft ein bisschen Sommer ist.


vielleicht ohne dich.

vielleicht mit dir.


Das Leben ist wie ein unbekanntes Gebiet und wir haben weder Karte noch Kompass. Manchmal kann man seine eigenen Hände vor lauter Nebel nicht mehr sehen und verliert sich. Manchmal hat man eine wundervolle weite Sicht und der Weg scheint wie scharf gezeichnet. Aber am Ende kann man soweit schauen, wie man möchte und sieht dennoch nichts außer seine eigenen Träume.

Denn das Leben weiß was es tut und hat seinen eigenen geheimnisvollen fabelhaften Plan.


Für Marlon, März 2016

Wegen Dir


Wegen Dir kann ich auf’s höchste Dach der Welt steigen und tanzen.

Ich kann ohne Fallschirm fliegen.

Ich kann mit dem Blick zum Himmel auf dem Fahrrad durch die Stadt fahren.

Wegen Dir kann ich schwimmen in trockenen Flüssen

und kann sehen in der dunklen Nacht.

Wegen Dir kann ich den Atem anhalten und nie wieder Luft holen müssen.

Wegen Dir kann ich schreien, so laut, dass die Berge zur Seite rücken.

Wegen Dir bin ich Sommerluft und Schneesturm, Herbstblätter im Wind

und wachsende Frühlingsblumen, die sich der Sonne entgegen strecken.

Ich kann klein und groß zugleich sein, kann leise und laut sein, nah und wild,

stark und zärtlich.


Ich nehme jede Gefahr auf mich, mit Angst und ohne Angst.

Wegen Dir spielt es keine Rolle.

Ich habe viel, manchmal gerade so viel wie ich brauche,

manchmal viel mehr, aber wegen Dir habe ich immer genug.

Wegen Dir bin ich frei und geschützt zugleich.

Trage unerschütterliche Hoffnung in mir.

Meine Geschichten halten mich auf aber wegen Dir kann ich immer wieder weiter gehen.

Wegen Dir kann ich platzen vor Glück und mich schütteln vor Trauer.

Kann mich verlieren überall, aber wegen Dir werde ich immer wieder gefunden.


Du bist in allen Wörtern die ich verschweige.

Du bist Ausrufezeichen und Fragezeichen zugleich,

steckst in jedem Kapitel meines Buches.


Wegen Dir zeigt sich mir die Welt

in all ihren schönsten Farben.


Wegen Dir kann ich alles sein,

was ich sein kann und noch mehr.


Für Mama, März 2017

AN DIESEM TAG


An Tagen, die nach schlaflosen Nächten beginnen, ist es nie das Erwartete, was kommt.

Diese Tage scheinen wie alle anderen, doch es kommt nur das vorbei, auf das niemand wartet.


An diesem Tag werde ich hier aus meinem ersten Buch vorlesen.

Ich werde erzählen und nicht wissen wer mir zuhört.

Erzählen von der Zeit die mich soweit gebracht hat, dass ich bin wovon ich geträumt habe.


Es ist, als ob dieser Tag den Atem anhält und wartet. Wartet, dass irgendetwas passiert.


Ein Tag der schien wie jeder andere. Vor 20 Jahren.

An diesem unschuldigen Novembertag hast du ohne zu fragen alles für immer verändert.

Und der Himmel schaute zu als wäre nichts geschehen.


Ich fing an zu schreiben. Ich schrieb an dich.

Meine Wut. Meine Enttäuschung. Meine pochenden Fragen im Kopf.

Ich schrieb weil du nicht da warst.

Ich schrieb alles auf in dieses verhasste, heißgeliebte Buch. Mein Buch an dich.

Ich schrieb über all die kleinen Dinge, die am Ende so groß werden, dass sie einen zerreißen,

wenn man jemanden vermisst.

Ich schrieb dir mein Leben. Meine Leben ohne dich. Damit du nicht alles verpasst.

Den gebrochenen Arm, die erste Klaviervorführung, die neue Schule.

Du warst nicht da als ich mit der ersten 5 in Mathe nach Hause gekommen bin

und mit dem ersten Liebeskummer.

Mit meinem ersten Freund, der mich immer wieder verlassen hat, kopierte ich nur dein Weggehen.

Ich schrieb über alles was ich greifen konnte, dazu alles was ich nicht begreifen konnte.

Und ... mit der Zeit begriff ich.


Ich kämpfte nicht mehr gegen Dinge an, die ich nicht ändern konnte.

Ich verlor meine Wut und fand Dinge, die mich glücklich machten.

Schöne Dinge, die einfach so da waren und ich vorher nicht gesehen habe.

Ich fand meinen Weg. Meinen Weg ohne dich.


Ich trag die Erinnerung an dich in meiner Haut, dein Lachen auf meinen Händen und deine Geschichten in meinen Ohren. Wenn ich nicht schlafen konnte hast du mir das Blaue vom Himmel erzählt und das Meer ist so magisch weil du mir erklärt hast wie unendlich groß und tief es ist. Du hast mir soviel mitgegeben.


Und auch dein Geschenk, mein Tagebuch hat mich auf den Weg zu meinem ersten Buch gebracht.


Manchmal wenn die Musik ganz laut ist und die Augen ganz zu,

dann stell ich mir vor, dass du da bist.

Und du fragst nicht nach dem Gestern, du fragst nur nach dem Morgen.



Für Papa, Juni 2013

Danke an Lena Rheinhardt für die Inspirationen



Ohne Ziel


Er ist der tollste Freund den ich je hatte. Er ist beziehungsunfähig. Er ist 1,86 cm groß. Er wirkt

manchmal klein. Er ruft dauernd an. Er meldet sich nie. Er ist klug. Er ist ehrlich. Er ist ein riesiger

Hornochse. Er erzählt dauernd Schwachsinn. Er macht Versprechungen. Er hält sie nicht. Er ist

abhängig von seinem sozialen Netzwerk. Er ist weder bei Facebook noch hat er Whatsapp.

Er liebt mich. Und er liebt mich nicht.


Angefangen hat diese Geschichte vor acht Jahren und 3 Monaten in einem Club. Nach

zwei Stunden Freibier war die Tanzfläche mindestens so voll wie er. Ich war nüchtern und 18 Jahre jung. Das Leben war leicht. Er fiel mir direkt auf. Bei Shakiras „La Tortura“ fing er an mit mir zu tanzen. Bevor wir miteinander sprachen knutschten wir zu „Waiting for a star to fall“. Wir tauschten Spucke vor Wörtern.

Französisch Leistungskurs? Je m‘appelle Tobias, je suis un tomate.

Und damit hatte er Recht.


Während unserer ersten Beziehung sahen wir uns zwei mal, telefonierten vier mal und schrieben

450 Sms. Er nannte es Fernbeziehung weil wir 30 km voneinander entfernt wohnten. Nach sechs

Tagen Beziehung bekam ich eine Sms: ‚Ich weiß zur Zeit nichts, alles ist zur Zeit komisch, gib mir

noch etwas Zeit‘. Ich rief ihn an, sprach mit seiner Mutter, mit seinem Vater. ‚Tobias ist nicht da,

das Licht in seinem Zimmer ist an und der PC auch aber der Tobias ist nicht da.‘ Ich schrieb ihm

einen Brief, einen langen Brief. Ich will mich nicht erinnern was darin stand. Ich wollte ihn und

kämpfte mit den Mitteln einer 18 jährigen. Und ich konnte ihn nicht haben.

Irgendwann sahen wir uns wieder. Wir wurden Studi-Vz Freunde. Da fing es an. Ich wusste was er

macht, wen er kennt, was er mag, wohin er geht und mit wem er sich fotografieren lässt. Ich wusste seine wechselnden Fakenamen, ich wusste wer ihm schreibt, was er trägt und welche Sprüche er mag. ‚Bierchen? Nehm ich.‘ Wir schrieben uns, wir gruschelten uns, wir schrieben uns böse Sachen, wir löschten uns, wir addeten uns. Wir schliefen miteinander. Wir liebten uns, wir hassten uns. Wir verletzten uns. Er verstand nicht, wieso er sich immer wieder bei mir meldete. Er verstand nicht, wieso ich nicht aus seinem Kopf verschwand. Er nannte mich Hexe. Frauen sind Engel. Und wenn man ihnen die Flügel bricht, dann fliegen sie auf einem Besen weiter.


Dann war ich in einer anderen Stadt und verliebte mich. Ich hatte einen neuen Freund. Etwas ernstes. Ich wollte es festhalten. Obwohl ich wusste, dass es zu Ende geht. Denn wer nur eine einzige große unglückliche Liebe hat und sie zurücklassen muss, kann gehen wohin er will.

Und wird nie richtig ankommen.


Danach stand er wieder in meinem Flur und nahm mich in den Arm.

Und ich vergass alles andere auf der Welt.

Ihm war egal, woher ich kam, wie viele Männer ich in der Zwischenzeit hatte. Alles was er wusste

war, dass er wollte, dass das mit ihm und mir für immer ist. Nur dumme Herzen sind vernünftig.

Und unsere Herzen waren klug genug um unvernünftig zu sein.


Wir planten nichts, wir hofften nichts, wir erwarteten nichts. Die Zeit war schön. Ich investierte viel. Aber die Jahre zuvor hatten mich zerbrechlich gemacht.

Ich fing an zu hoffen, zu erwarten. Ich wurde müde. Müde des Unerfüllten. Müde des jahrelangen

Hin und Hers, des Redens zwischen den Zeilen, des Sehens und des Nichtsehens und der Stille der

Buchstaben. Müde des Vermissens, müde des Selbstschutzes.

Auf dem Weg durch die Monate habe ich meine Unbefangenheit verloren, die Zeit des Gedankenlosen ging zu schnell vorbei. Manchmal hatte ich gehofft. Die Hoffnung sagte, er würde alles bemerken, die Anzeichen verstehen. Ich fand keine Worte, die beschreiben konnten was zwischen ihm und mir war.

Ich hatte mehr gefühlt als ich Wörter wusste.

Die Vergangenheit war so schwer. So schwer, dass ich sie nicht mit Worten aufwiegen konnte.

Er bemerkte es aber ging fort mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern.

Er verliess mich mit Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben.

Und eines Morgens bin ich in den Trümmern erwacht.


Ich trage die Erinnerung unter meiner Haut, die Nächte ohne Alleinsein an jeder Stelle in meinem

Körper und ich übe das Vergessen.

Ich gehe durch die Stadt, die so leer ist, ohne ihn und doch, so voll von ihm.

Ich laufe durch die Straßen, laufe an der Nacht vorbei. Ich gehe, laufe, bleibe immer in den falschen Momenten stehen. Die Kälte verweilt über der Stadt. Zu schwer, zu klein fühle ich mich.


Männer kommen und gehen. Niemand darf über Nacht bleiben. Es könnte ja sein, dass er eines

Nachts so betrunken ist, dass er zu mir kommt. Sturmklingelt, die Treppen hochtorkelt und ich

ihn wieder bespringen kann, wenn er in meinem Flur steht. Dann würde er reden und reden, von

seiner Nacht erzählen. Erzählen, wie viele Frauen er hätte haben können aber immer nur an sein

Mädchen gedachte habe. Er würde mir das Blaue vom Himmel erzählen.


Wir wissen beide, dass es kein zurück gibt.

Und wenn es kein zurück gibt, wohin sollen wir gehen, wenn nicht nach vorn?


Ich ziehe sein T-Shirt an und lege mich in mein Bett. Über mein Warten schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen wache ich auf.

Und er ist nicht da.

Es ist nicht so, dass er nur fehlt. Es ist so, dass das Leben nicht mal eben so weitergeht.

Und es ist egal, wie sehr man es anschiebt.


Wochen sind vergangen. Ich sitze in einem Café und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Ich halte den Atem an und warte. Warte, dass etwas großes passiert.

An diesem Tag, der doch so ist wie immer.

Ich packe meine Sachen und bezahle meinen Kaffee.

Draußen hängt ein kalter Wind in der Straße.

Ich gehe ohne Ziel. Das Rad quietscht.

Die Füße werden finden, was die Augen nicht sehen,

wovon der Kopf nicht weiß, dass das Herz es sucht.

Die Ampel wird gerade rot.

Und auf der anderen Seite steht er.



Für Tobias, Juli 2012


Danke an Lena Rheinhardt für die Inspirationen

IN EINEM WIMPERNSCHLAG


Ganz gleich was ich denke oder wo ich mich befinde, die Welt steht niemals still.


Ein Wimpernschlag dauert 250 Millisekunden. Mein Gespür für Zeit ist zu langsam.

Intuitiv bewege ich mich, aber ich bin in einem Kreislauf gefangen.

In jedem Moment bin ich einer Schwerkraft ausgesetzt,

die an mir zieht wie der Wind an einem Drachen.

Ich kann mich aufrichten, drehen und verbiegen, sie hält mich immer fest.

Alles um mich herum rotiert.


Ich möchte ankommen, zur Ruhe kommen.

Ich will weniger Geschwindigkeit.

Menschen und Häuser ziehen rasend schnell an mir vorbei.

Farben und Geräusche vernebeln meine Wahrnehmung.

Ich habe Angst mich zu verlieren.

Ich versuche dagegen anzukämpfen und meinem eigenen Rhythmus zu folgen

Denn meine Welt bewegt sich gegensätzlich.

Sie folgt ihren eigenen Gesetzen.


Ich setze einen Schritt vor den nächsten und fühle plötzlich kein Gewicht mehr.

Eine endlose Melodie umgibt mich während ich meine Balance wieder finde.

Die einzelnen Töne reihen sich harmonisch aneinander

und bilden einen wärmende Decke um mich herum, die mich vor allem was ablenkt beschützt.

Für einen flüchtigen Moment gibt es nichts außer Entspannung und Geborgenheit.


Ganz gleich was ich denke oder wo ich mich befinde,

wenn ich tanze steht die Welt für mich still.



Der Text entstand in Zusammenarbeit mit Sandra Eikel, Juni 2011



for questions, bookings or any other contact feel free to use


+49 163 63 81 338

johanna.hagemann@gmail.com